Geschichte der WILPFSchweiz

Eine Bewegung entsteht

Die WILPF (Women's International League for Peace and Freedom) ist die erste pazifistische Frauenorganisation überhaupt. Sie wurde 1915 in Den Haag gegründet, mitten im 1. Weltkrieg, um gegen das Blutvergiessen zu protestieren und auf ein baldiges Ende des Krieges hinzuwirken. Die Initiative dazu ging von führenden Persönlichkeiten der Frauenstimmrechtsbewegung aus. Die WILPF ist als Teil der weiblichen Emanzipationsbewegungungen des 20. Jahrhunderts zu verstehen. Es ging also nie nur um Frieden, sondern von Anfang an auch um den Anspruch auf soziale Gerechtigkeit. 1926 zählte die WILPF etwa 50'000 Mitglieder und war in 40 Ländern vertreten, sie gilt als die bedeutendste pazifistische Frauenorganisation der Zwischenkriegszeit. Der 2. Kongress fand 1919 in Zürich statt.

Die Forderungen von 1915 lauteten:

· Selbstbestimmungsrecht der Völker

· eine Vereinigung der Nationen

· Internationale Schiedsgerichte und Mediation bei Konflikten (Neu und innovativ war z.B. der Gedanke, mittels ökonomischer Sanktionen auf einen Rechtsbrecher Druck auszuüben. Er wurde 1919 in die Völkerbund-Charta aufgenommen und ist heute selbstverständlich geworden.) 

· eine demokratische Kontrolle der Aussenpolitik (anstatt Geheimverträge)

· eine allgemeine und totale Abrüstung

· Massnahmen zur Beendigung des Krieges (Eine Frauendelegation bereiste nach 1915 14 Länder, unter anderen auch die CH, um für ihre Vorschläge zu werben. Die internationale Presse bedachte diese Aktivitäten mit Spott und Hohn.)

· eine Gleichberechtigung der Geschlechter, Rassen und Konfessionen (z.B. Frauenstimm- und Wahlrecht)

Die Schweizer Sektion 1915-1975

Die Schweizer Sektion der WILPF (oder IFFF: Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit) gibt es bereits seit 1915. Sie bekannte sich zu den Grundsätzen des internationalen Kongresses in Den Haag. Führende Persönlichkeit war Clara Ragaz, Präsidentin von 1915 bis 1946, internationale Präsidentin auch während des 2. Weltkriegs. Ragaz war überzeugte Sozialistin, ab 1909 Mitglied der SP, und nahm in sozialpolitischen Fragen eine progressive Haltung ein. Das führte vor allem in den schwierigen Jahren der Weltwirtschaftskrise wiederholt zu Vorwürfen, die Liga stehe unter kommunistischem Einfluss, habe die Aufgabe, Klassenhass zu säen und der kommunistischen Revolution den Weg zu bereiten. In diesem Licht ist auch der Prozess zu verstehen, den die WILPF Schweiz wegen Ehrverletzung gegen das Zofinger Tagblatt 1934 geführt hat. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass Clara Ragaz und ihr Mann Leonhard der religiös-sozialen Bewegung angehörten, die sich zur Gewaltlosigkeit bekannten und einen bewaffneten Klassenkampf grundsätzlich ablehnten.

Die Schweizer Sektion zählte anfänglich vier, 1934 bereits 14 Ortsgruppen mit total etwa 600 Mitgliedern. Während des 2. Weltkriegs lichteten sich ihre Reihen, 1941 gab es noch sieben Gruppen. Der Mitgliederschwund ging weiter und 1975 wurde die Auflösung der Sektion an ihrer 57. Jahresversammlung mit 15 Stimmen und einer Enthaltung gutgeheissen.

 

Schwerpunkte ihrer Tätigkeit

Aus den Akten, die im Sozialarchiv aufbewahrt werden, lässt sich die wechselhafte Geschichte der Liga, aber auch ein Stück Schweizer Sozialgeschichte ablesen. Da erfährt man etwa, dass 1936 ein Abendessen 1.50 und eine Übernachtung im Hotel 3.-, 1951 aber bereits zwischen 5 und 7 Franken gekostet haben. Interessant wäre auch eine Analyse der umfangreichen Korrespondenz von Clara Ragaz, die kon-sequent und direkt auf Missstände hinweist und gleichzeitig als Pfarrfrau den Moralfinger hebt. Die Korrespondenz, die Clara Ragaz führte, widerspiegelt aber vor allem viele wichtige Themen und Ereignisse der Schweiz in der Zwischenkriegszeit.

Am 15. März 1921 gelangte die Liga mit einer Eingabe zugunsten der Schaffung eines Zivildienstes an den Bundesrat und 1922 mit einer Petition und 40’000 Unterschriften an die Bundesversammlung.

Das grösste Unternehmen jener Zeit war wahrscheinlich die Unterschriftensammlung für eine allgemeine und totale Abrüstung aus den Jahren 1932/33. Als Anliegen der Weltöffentlichkeit wurden dem Völkerbundsrat 12 Millionen Unterschriften überreicht, von denen weltweit 6 Millionen von der WILPF gesammelt worden waren. Der Schweizer Zweig hatte mit 311'000 prozentual die höchste Unterschriftenzahl aller Länder erreicht! Dabei ist noch zu erwähnen, dass die Petition in der Schweiz von Presse, Kirchen und Parteien fast ausnahmslos übergangen oder gar bekämpft worden war: von links als "Machwerk bürgerlicher Tanten", von rechts als "bolschewistisch, familienzerstörend und staatszersetzend".

Beispiele der politischen Kleinarbeit:  Ein Brief von Clara Ragaz z.B. befasst sich mit den Ereignissen von 1932 in Genf, als Rekruten und Maschinengewehre gegen eine Arbeiterdemonstration eingesetzt und dabei 12 Demonstrierende getötet wurden. In anderen geht es um die Unterstützung einer "Initiative gegen die private Rüstungsindustrie" oder Themen rund um den Völkerbund. In einem Schreiben vom 25. Oktober 1938 an Bundesrat Baumann drückt die Schweizer Sektion ihren Protest gegen den sogenannten Judenstempel in deutschen Reisepässen aus. Am 22. September 1939 klärt sie die Präsidentinnen der schweizerischen Frauen-organisationen über die Position der Liga bezüglich Rüstung, Abrüstung und Krieg auf; am 19. Februar 1940 tritt sie in einem Brief an die Parlamentarier für Presse- und Redefreiheit ein und 1942 sind die Lebensbedingungen der Flüchtlinge ein prioritäres Thema. Ab 1943 geht es bereits wieder darum, wie eine Friedensordnung nach dem Krieg aussehen kann und soll.

In den 1950er Jahren, mit Helene Stäheli als Präsidentin, sind die UNO und die Atombombe wichtige Themen. Am 13. Juli 1964 geht es um einen Friedenstag an der Expo in Lausanne, und kurze Zeit später wird der Sorge bezüglich des Vietnamkrieges Ausdruck gegeben.

Liebe Leserin, ich weiss nicht, was für Sie jetzt grösser ist: die Begeisterung über diese mutigen Frauen, die die Politik der WILPF geprägt haben, oder das blanke Entsetzen darüber, dass so viel Engagement so wenig bewirkt hat. Klar ist aber eins: die WILPF und Clara Ragaz sind ein wichtiger und bedeutender Teil der Geschichte der Schweiz von 1915 bis nach dem 2. Weltkrieg.

Wiedergründungen 1984/2004

In den 1980er Jahren wehrte die Welt sich gegen die Stationierung von NATO-Atomraketen in Westeuropa. Nach der legendären Demonstration in Bern am 5.11.1983 (40‘000 Teilnehmende) war die Wiedergründung der Schweizer WILPF-Sektion fällig (März 1984). Sie hatte um die 50 Mitglieder, die mit Elan Unterschriften sammelten, Briefe schrieben, ein Gespräch im Bundeshaus führten, Anstoss zu einer nationalen Demonstration zum Gipfeltreffen Reagan-Gorbatschow gaben (Genf, 16.11.85) und gemeinsame  nationale und internationale Aktionen mit andern Sektionen und Friedensorganisationen durchführten.

1990 wurde der Kalte Krieg für beendet erklärt. Viele Engagierte verabschiedeten sich aus der Friedensbewegung. Doch auf den kalten Krieg folgte der heisse: der Golfkrieg 1991. Unter dem Slogan „Kein Blut für Oel“ fanden sich alle wieder auf Zürichs Strassen.

Den Balkankriegen in den 1990er Jahren stand die Friedensbewegung weitgehend ratlos gegenüber. Die Erkenntnis, dass der Ursprung dieses „Bürgerkrieges“ in der Anerkennung Kroatiens durch die Bundesrepublik Deutschland lag, war sehr schwer zu vermitteln, wurde sie doch von Regierungen und Medien geflissentlich vertuscht.

Noch raffinierter wurde von der NATO der Angriff auf Belgrad 1999 eingefädelt, nämlich durch das geheime Zusatzabkommen von Rambouillet. Ein grosser Teil der Friedensbewegung liess sich durch die ausgeklügelte Parole „Lieber Krieg als Faschismus“ verführen. Die WILPF blieb Rufer in der Wüste, die Schweizer Sektion löste sich auf, nur einzelne Mitglieder arbeiteten weiter mit dem internationalen Büro in Genf zusammen.

Dass die Schweizer Sektion, angesichts der beängstigenden Missachtung von Völkerrecht und Menschenrechten, am 19.Mai 2004 wieder aktiv geworden ist, lässt hoffen. 

Irene Willi, Historikerin Zürich

 

Quellen:

Veronika Marxer: Die pazifistisch-antimilitaristische Bewegung in der Schweiz mit besonderer Berücksichtigung der Gewaltlosigkeitsdiskussion 1918-1939. Lizentiatsarbeit Zürich 1984.

Brief von Clara Ragaz an den Bundesrat, 19.11.1932. (im Sozialarchiv Zürich)

Brief von Clara Ragaz ans Parlament, 26.1.1938. (im Sozialarchiv Zürich)

Fiche von A. Mächtlinger, Eintrag vom 14.8.1984 durch die Stadtpolizei Zürich.